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Computerworld Schweiz - Information Management

Von Henrik Lewe und Helmut Krcmar

Gruppenware erhöht die Produktivität

Mit Hilfe von Groupware können Manager in Sitzungen rascher Ideen finden, Probleme lösen und Entscheidungen treffen. Ein Werkzeug dafür ist Group Systems. Es bestand seinen Praxistest in Sitzungen an der University of Arizona in Tucson und im Einsatz an der Universität Hohenheim bei Stuttgart. Das Groupwaresystem wurde für die Unterstützung von Sitzungen in computerisierten Konferenzräumen an der University of Arizona in Tucson (USA) entwickelt.

Manager verbringen einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit in Sitzungen. Im weiten Sinne kann dabei unter einer Sitzung das zeitgleiche Zusammentreffen von zwei und mehr Personen zur gemeinsamen Bewältigung einer Arbeitsaufgabe unabhängig von der örtlichen Verteilung der Teilnehmer angesehen werden.

In Sitzungen geht es um das gemeinsame Lösen von Problemen, das Finden von Ideen, das Treffen von Entscheidungen oder die gegenseitige Information und Abstimmung. Allerdings sind sie nicht immer so produktiv, wie sie sein könnten. Sitzungen dauern nach Meinungen der Manager im allgemeinen zu lange, die Redner kommen nicht zur Sache oder man verliert viel Zeit, weil man Informationen erhält, die man schon kennt oder gar nicht benötigt. Schwierigkeiten bereiten ausserdem das Fehlen klarer Zielsetzungen, das Fehlen einer Tagesordnung sowie die Abwesenheit oder mangelnde Beteiligung wichtiger Sitzungsteilnehmer.

Letzteres kann dadurch verursacht werden, dass die Teilnehmer besorgt darüber sind, wie ihre Auffassungen von der Gruppe aufgenommen werden, oder dass sie in einer von dominanten Einzelpersonen beherrschten Diskussion nicht zu Wort kommen. Als Komplikationen kommen oft ein verstecktes Gerangel um machtpolitische Positionen, die mangelnde Übereinstimmung zwischen Sitzungsprotokoll und tatsächlich diskutierten Aspekten, die Tendenz zu riskanteren Entscheidungen aufgrund der Verantwortungsteilung und ein Konformitätsdruck hinzu, der die Kreativität beeinträchtigt und ''Gruppendenken'' (Groupthink) verursacht.

Groupware für Sitzungen

Mit einer Vielzahl von Groupwaresystemen wird heute versucht, die Zusammenarbeit mehrerer Personen inhaltlich und prozessorientiert unter Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zu verbessern. Repräsentativ für Systeme, die speziell beim zeitgleichen Treffen eines Teams einsetzbar sind und für einige typische Sitzungsaktivitäten einschliesslich der Gruppenentscheidungsunterstützung in Forschungslaboratorien entwickelt wurden, sind Group Systems (University of Arizona), Colab (Xerox PARC) und SAMM (University of Minnesota). Inzwischen sind eine ganze Reihe weiterer Systeme verfügbar, die zum Teil ihren Ursprung ebenfalls in Forschungslaboratorien haben. Hierzu sind vor allem Clarity, Lotus Notes, Meeting Ware, Omniquest und Together zu zählen.

Ausserdem gibt es auf dem Markt Software, mit der sich speziell die gemeinsame Ideenfindung in Sitzungen unterstützen lässt, zum Beispiel Brainstormer, the Idea Generator Plus, Ideafisher oder Thoughtline. Zur Anwendung kommen strukturierte Verfahren wie zum Beispiel ''Brainstorming'' oder die ''Nominal Group Technique''.

Group Systems hebt sich aus den sonstigen Systemen vor allem dadurch hervor, dass mit ihm die umfassende Unterstützung der Durchführung von Meetings angestrebt wird, einschliesslich ihrer Vor- und Nachbereitung. Alle genannten Systeme haben gemeinsam, dass sie Ansatzpunkte bieten, mit denen die zuvor erwähnten Probleme von Sitzungen verringert werden können und das positive Potential der Zusammenarbeit in Sitzungen besser ausgeschöpft werden kann, so dass sich insgesamt eine höhere Produktivität erzielen lässt.

Group Systems

Group Systems wurde an der University of Arizona in Tucson (USA) aus der früheren Plexsys-Forschung her aus- entwickelt. Die Software- Komponente wird nunmehr vom   Technologietransferzentrum der Universität, der Ventana Corporation, angeboten. IBM hat den Vertrieb für kommerzielle Nutzer übernommen und vertreibt das System derzeit unter dem Namen ''TeamFocus'' in den Vereinigten Staaten. Seit September 90 ist die Version 4.0 von Group Systems erhältlich. Eine überarbeitete Version ist für dieses Jahr vorgesehen.

Group Systems setzt bei den gängigen Sitzungsaktivitäten an, wie zum Beispiel dem Sammeln von Ideen und L”sungen für die Aufgabenstellung, deren Strukturierung, dem Abwägen von Altemativen und dem Treffen von Entscheidungen. Es soll Sitzungen beschleunigen, deren Produktivität erhöhen und, ähnlich wie die elektronische Textverarbeitung, für eine bekannte Aufgabe neue Möglichkeiten ihrer Bewältigung eröffnen.

Group Systems ist derzeit in drei elektronischen Sitzungslabors an der University of Arizona installiert, die demnächst um vier weitere ergänzt werden. Inzwischen ist Group Systems auch im Computer Aided Team (CATeam)-Raum an der Universität Hohenheim in deutscher Übersetzung verfügbar. Der Hohenheimer CATeam-Raum bietet eine Sitzungsumgebung mit Computerunterstützung für bis zu zwölf Teilnehmer. Er eignet sich ausser für das Abhalten von computerunterstützten Sitzungen insbesondere für die Evaluation des CATeam-Einsatzes in diesen Sitzungen und als Demonstrations- einrichtung für die Verbreitung der Ideen der CATeam-Forschung. Weitere 21 über die ganze Welt verteilte Universitäten erwarben eine Lizenz der Group Systems-Software. Ausserdem sind zwölf hauptsächlich in den USA angesiedelte Unternehmen mit Group Systems ausgestattet. Unter den Unternehmen stellt IBM mit bisher 36 Group Systems- Entscheidungsräumen an verschiedenen amerikanischen Standorten, die ständig ausgebucht sind, den Hauptanwender dar. Anfang 1992 sollen 20 weitere Einrichtungen mit Group Systems bei IBM in Amerika hinzugekommen sein.

Systemaufbau

GroupSystems kann Teams in Arbeits- sitzungen mit bis zu zweimal 24 Teil- nehmern mit Hilfe von über 20 Werk- zeugen unterstützen. Es stellt aus- schliesslich die Software- Komponente bereit, die nur im Verbund mit den Komponenten ''elektronischer Sitzungsraum'', der entsprechenden Hardware sowie einem ''Chauffeur'' und/oder technischen Assistenten (englisch: Facilitator) als Koordinator der Sitzungsaktivitäten zweckmässig einsetzbar ist.

Die Rolle des Chauffeurs kann vom Team- oder Sitzungsleiter selbst, von einem beliebigen sonstigen Teilnehmer oder, wie es empfehlenswert ist, von einer separaten, neutralen Person wahrgenommen werden, die nicht Mitglied des Teams ist und die Moderation übernehmen kann, damit die sonstigen Teilnehmer nicht mit diesen Aufgaben belastet werden. Der Chauffeur hilft bei der Planung der Tagesordnung, aktiviert und stoppt die Software und unterweist die Teilnehmer in allen technischen Aspekten der Group-Systems- Nutzung. Dadurch wird die Systemkomplexität gegenüber dem Nutzer und das erforderliche Training für die Nutzung verringert. Bei Einsatz von Group Systems in Unternehmen mit wechselnden Nutzergruppen übernimmt er ausserdem die Festlegung der Rahmenbedingungen für die Nutzung, erstellt Termine, übernimmt die Systempflege und fördert damit letztlich die erfolgreiche Technologiediffusion.

Group Systems lässt sich in einem mit 34 Personalcomputern ausgerüsteten Local Area Network (LAN) einsetzen. Gängige Netzwerkbetriebssysteme wie Novell oder Token Ring werden unterstützt. Für jeden Teilnehmer wird eine Arbeitsstation benötigt, im allgemeinen mindestens ein Personalcomputer der AT-Klasse mit 640 KByte Hauptspeicher, Farbmonitor mit mindestens CGA- Auflösung und Festplatte. Eine zusätzliche Arbeitsstation ist für den Sitzungsleiter erforderlich.

Ausserdem muss ein Server und eine für alle Sitzungsteilnehmer allgemein sichtbare Grossbilds- chirmanzeige verfügbar sein. Diese kann von einem etwas grösseren PC-Monitor, einem LC-Display auf Overheadprojektor oder sogar von einem Front- oder Rücklicht- Grossbildprojektor übernommen werden. Die Geräte sind in dem Konferenzraum bereitzustellen. Gängig sind U-, halbkreis- oder vollkreisförmige Anordnungen der Arbeitsplätze.


Group Systems besteht aus flexibel in Sitzungen miteinander kombinierbaren Werkzeugen, um den von einem Team zur Bewältigung der unterschiedlichen Sitzungsaktivitäten gestellten Unterstützungsanforderungen gerecht zu werden. Es ist daher vor jeder Sitzung zu bestimmen, welche Werkzeuge für die zu erledigenden Aufgaben genutzt werden sollen. Dabei kann umgekehrt durch die gegebenen Eigenschaften und Möglichkeiten der Group Systems-Werkzeuge die tatsächliche Aufgabenstellung beeinflusst werden. Trotzdem sollte man sich zunächst über das Ziel und die notwendigen Aufgaben relativ klar sein, damit sich dann das passende Group Systems- Werkzeug einfacher bestimmen lässt, mit dem sich die beste Einsatzwirkung erzielen lässt.

Die in dem Werkzeugkasten zur Stimmungsunterstützung  zusammengefassten Werkzeuge werden nach Basis-Werkzeugen und Zusatzwerkzeugen für fortgeschrittene Aufgaben, welche erst in der Version Group Systems 4.0 verfügbar wurden, unterschieden. Dabei arbeiten alle Werkzeuge der  neuesten Version unter einer standardisierten Oberfläche im 80 mal 25 Zeichenmodus, die dem  Common User Access (CUA) Standard entspricht. Ausserdem stehen noch zwei Utilities zur Verfügung.

Basiswerkzeuge

Basiswerkzeuge waren bereits in älteren Versionen von Group Systems und in der Plexsys- Software verfügbar. Sie sind jetzt aber überarbeitet und können nunmehr bis zu zehn aktive Sitzungen unterscheiden.

Sitzungsmanager (Meeting Manager) ist das Werkzeug, mit dem sämtliche anderen Werkzeuge des Group-Systems- Werkzeugkastens vom Chauffeur aufgerufen werden können. Von einer Auswahlzeile aus werden Pull-down-Menüs aktiviert. Diese Menüs sind in der Auswahlzeile logisch so angeordnet, dass sie den Chauffeur durch eine Sitzung leiten. Der Sitzungsmanager unterstützt auch die Aktivitäten der Sitzungsvorbereitungsphase, darunter das Festlegen des Sitzungszieles, die Vorbereitung einer Tagesordnung, mit der die Einsatzreihenfolge der GroupSystems-Werkzeuge bestimmt werden kann, die Erfassung der Teilnehmer und die Systemeinstellung. m Zusammenhang mit der Sitzungsnachbearbeitung können Ausdrucke erstellt und die Datensicherung vorgenommen werden.

Ein typischer Sitzungsablauf für eine Aufgabe vom Typ ''esign'', besteht aus der Findung von Ideen durch elektronisches Brainstorming, deren Erkennung und Zusammenfassung mit Hilfe des Werkzeugs Ideenorganisation sowie einer abschliessenden Bewertung durch das Bilden einer Rangordnung.

Elektronisches Brainstorming (Electronic Brainstorming) unterstützt die Ideenfindung in Gruppen. Die Sitzungsteilnehmer tauschen anonym und simultan, aber mit individuellem Tempo, untereinander Ideen und Kommentare aus, die sich auf eine bestimmte Frage oder Themenstellung beziehen. Man ist dabei gezwungen, sich kurz zu fassen und auf den Punkt zu kommen, da nur fünf Zeilen für die Abgabe der Idee zur Verfügung stehen. Der Austausch der Beiträge erfolgt rechnergestützt über das Netz nach einem Verfahren, bei dem jeweils der gerade eine neue Idee abgebende Teilnehmer eine augenblicklich unbenutzte Ideenliste erhält, während die Liste mit seiner hinzugefügten Idee für den nächsten Teilnehmer zur Verfügung gestellt wird, der eine Idee eingegeben hat.

Je nach Einsatzbedingung kann die ständig aktualisierte Liste der fortlaufend eingegebenen Kommentare auf dem allgemein sichtbaren Grossbildschirm allen Sitzungsteilnehmern angezeigt werden. Die Kommentare können mit Schlüsselwörtern versehen werden, so dass bereits eine gewisse Ordnung in die unstrukturiert abgegebenen Kommentare gebracht werden kann.

Ideenorganisation (Idea Organization,) ist ein Werkzeug zum Erkennen und einfachen Kategorisieren von Formationen in Listenform aus anderen Group Systems-Werkzeugen oder von ASCII-Dateien unter Stichworten oder kurzen Sätzen. Es wird im allgemeinen zum Zusammenfassen der Ideen und Kommentare aus der Brainstormingphase genutzt. Dabei ordnen die Sitzungsteilnehmer zunächst jeder für sich in einem privaten Fenster die Ideen und ommentare aus der Referenzdatei unter Ideenkategorie-Stichworten. Die Stichworte und Zuordnungen können sie an das Fenster öffentlicher Stichworte abschicken. Zwischen dem öffentlichen und privaten Bereich können die Teilnehmer wechseln und auf der Grossbilds- chirmanzeige die bereits öffentlich gemachten Stichworte betrachten. Üblicherweise wird zum Abschluss gemeinsam mit dem Chauffeur die öffentliche Liste der Ideenkategorie-Stichworte systematisch konsolidiert, das heisst, es werden redundante Kategorien beseitigt.

Abstimmung (Vote) unterstützt sieben verschiedene Abstimmungsmethoden: Rangfolge, Ja/Nein, Wahr/Falsch, Pro/Contra, zehn-Punkte-Skala- oder 100 Prozent-Skala- Bewertung und Multiple Choice. Sobald die verschiedenen Stimmen abgegeben und vom System eingesammelt sind, lässt sich das Meinungsbild der Gruppe auf verschiedene Art und Weise anzeigen. Eine Option erlaubt die Anzeige der eigenen Abstimmung im Vergleich zu den statistischen Ergebnissen der gesamten Gruppe.

Themenkommentator (Topic Commenter) eignet sich ebenfalls für die Unterstützung der Ideenfindung, erlaubt aber zusätzlich eine einfache Organisation schon bei der Eingabe. Ein Kartenstapel, auf dem verschiedene Themenkategorien zuvor eingetragen wurden, wird sowohl bei den einzelnen Teilnehmern als auch auf dem Grossbildschirm angezeigt. Die Teilnehmer wählen jeweils die Karte eines der Themen an, unter dem zugeordnet sie ihren Beitrag eintragen möchten. Die Teilnehmer können alle von anderen Teilnehmern eingegebenen Kommentare zu allen Themen betrachten. Als Ergebnis entsteht eine übersichtlich strukturierte Sammlung von Antworten einer Gruppe auf eine Fragestellung. Diese Sammlung kann dann editiert werden, zum Beispiel während einer Diskussion bei Verwendung des Grossbildschirms. Gegenüber den Werkzeugen Brainstorming und Ideen Organisation weist der Themenkommentator den Unterschied auf, dass ein Ideenaustausch nur bei entsprechendem Individualverhalten stattfindet und dass maximal 16 Kategorien erstellt werden können, die bekannt sein müssen.

Alternativenbewertung (Alternative Evaluation, AE) ermöglicht den Sitzungsteilnehmern, eine Reihe von Alternativen an Hand von einer Reihe von Kriterien zu bewerten. Jeder Teilnehmer ist aufgefordert, die Altemativen nach allen Kriterien persönlich zu bewerten. Das Gruppenergebnis kann wiederum auf sehr unterschiedliche Art und Weise angezeigt werden, einschliesslich textlicher und grafischer Repräsentationen. Die Kriterien, nicht aber der Einfluss einer bestimmten Person auf das Ergebnis, lassen sich gewichten. Auch ''Was wäre wenn...''-Analysen sind mit Hilfe des Werkzeugs möglich.

Leitlinien-Aufstellung (Policy Formation, PF) ermöglicht dem Sitzungsleiter, eine Aussage zu formulieren und den Sitzungsteilnehmern zur Überarbeitung zu übergeben. Die an den Sitzungsleiter zurückgesandten Aussagen können der Gruppe zur weiteren Diskussion angezeigt und dann wieder an die einzelnen Mitglieder zur weiteren Revision übergeben werden. Dieser Prozess des Aussageeditierens kann solange wiederholt werden, bis die Aussage fertig ausgetüftelt und von der ganzen Gruppe anerkannt wird. Gerade bei der Erstellung von Leit- oder Richtlinien ist die exakte Formulierung des Textes von Bedeutung.

Brieftaschen-Utensilien (Brief Case,) ist ein hauptspeicher- residentes Popup-Werkzeug. Es enthält insgesamt sieben Miniwerkzeuge. Dies sind: Dateienanzeiger (File Reader), Notizblock (Notepad), Clipboard, Taschenrechner (Calculator), Stimmungsbarometer (Mood Meter) und ein Werkzeug zur Schnell-Abstimmung (Quick Vote) nach den Verfahren Rangfolge, Multiple Choice oder Ja/Nein.


Dr. Helmut Krcmar ist am Institut für Betriebswirtschaftslehre, Universität Hohenheim, tätig.

Empirische Ergebnisse mit Group Systems

Es liegen bereits eine Reihe nützlicher Befunde über Erfahrungen beim Einsatz von Computern in Sitzungen vor, vor allem aus Amerika. Trotz recht unterschiedlicher Randbedingungen der Untersuchungen und Funktionen der eingesetzten Systeme bestätigt sich dabei, dass sich durch eine Sitzungsunterstützung mit elektronischen Medien Veränderungen beim Sitzungsprozess und in den Ergebnissen ergeben. a die Erkenntnisse der (Klein) Gruppenforschung bei den veränderten Randbedingungen auf computerunterstützte Sitzungen nur mit Vorbehalten anwendbar sind, empfiehlt es sich, genauer zu betrachten, warum sich die Veränderungen ergeben und in welcher Weise die unterschiedlichen Randbeding- ungen darauf Einfluss nehmen.

Vereinfacht dargestellt liegt der empirischen Forschung mit Group Systems die aus der Theorie abgeleitete Überlegung zugrunde, dass die Charakteristiken der Situation, in der die Teamarbeit stattfindet, die Veränderungen sowohl im Gruppenarbeitsprozess als auch bei dessen Ergebnis auslouml; sen.

Verbesserungen der Produktivität von Sitzungen

Nach dem Untersuchungsmodell wird die Bewertung der Effektivität, der Effizienz, der Zufriedenheit, der Partizipationsmöglichkeit und des Konsens beim Ablauf und Ergebnis von Sitzungen auf die gegebenen Randbedingungen zurück- zuführen sein und damit letztlich das Urteil über die Produktivität von Sitzungen beeinflussen. Der Sitzungsprozess kann dabei bessere Ergebnisse fördern (Prozessgewinne) oder verhindern (Prozessverluste). Die Wirkung der Randbedingungen auf die Produktivität entfaltet sich dabei im Laufe des Sitzungsprozesses, in dem mit ihnen auf den Umfang der Prozessunterstützung, auf die Prozessstruktur, auf den Umfang der inhaltlichen Unterstützung bei der Bewältigung der Aufgabe und auf die Aufgabenstruktur Einfluss genommen wird. Prozessunterstützungsumfang, Prozessstruktur, inhaltlicher Unterstützungsumfang und Aufgabenstruktur rufen damit schliesslich die Prozessgewinne oder Prozessverluste hervor.

Die Prozessunterstützung ist durch alle Hilfsmittel gegeben, die die Kommunikation unter den Sitzungsteilnehmern unterstützen, und zwar unabhängig davon, ob dies durch Einsatz elektronischer oder sonstiger Hilfsmittel geschieht. Zeitliche und personelle Verteilung der Kommunikation machen die Prozessstruktur aus, die sich in der Tagesordnung oder in der Anwendung bestimmter Verfahrensabläufe niederschlägt. Die inhaltliche Aufgaben- unterstützung wird von Hilfsmitteln wie zum Beispiel Datenbanken, Modellen und so weiter wahrgenommen.

Die Aufgabenstruktur bestimmt im Sitzungsprozess die Techniken oder Regeln, wie die Analyse aufgabenbezogener Informationen zu vollziehen ist.

Zu den bedeutendsten Prozessgewinnen bei der Teamarbeit zählen die Verwendung einer breiteren Informationsbasis, die Nutzung von Synergie, objektivere Urteile, grössere Motivation durch gegenseitige Stimulanz sowie eine Erleichterung beim Lernen durch eine gegenseitige Unterstützung der Teilnehmer.

Prozessverluste können sicher auftreten durch die Redezeitaufsplitterung, Dominanz einzelner Teammitglieder, Konformitätsdruck, Befangen-heit aufgrund einer Furcht der negativen Bewertung der eigenen Beiträge, Mitläufertum, Beteiligungshemmnisse aufgrund von Kon-zentrations schwächen, der Überbeanspruchung der Aufmerksamkeit oder Relevanzminderung des eigenen Beitrags im Laufe der Zeit, Informationsüberlastung, Erinnerungsprobleme, Koordinationsprobleme, unvollständige Informationsauswertung und durch eine unvollständige Aufgabenanalyse.

Die genannten Aspekte zeigten sich in den bisherigen Untersuchungen als relevant, ohne dass damit Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Mit dem Einsatz der Computertechnologie in Sitzungen kann aber das ursprüngliche Verhältnis der Prozessgewinne und -verluste beeinflusst werden.

Erste Erfahrungen mit GroupSystems im CATeam

Aus Deutschland liegen noch wenige Erfahrungen über den Computereinsatz in Sitzungen vor, es wurden allerdings bereits Computerkonferenzen mit der herkömmlichen Kommunikation verglichen. Seit die neue Group Systems 4.0-Version in der deutsch übersetzten Version im Hohenheimer CATeam-Raum eingesetzt wird, konnten Einsatzerfahrungen in bisher über 15 Group Systems-Sitzungen mit insgesamt ¨ber 100 Teilnehmern (ohne Facilitator) von der Universität Hohenheim und in zwei Sitzungen mit Teilnehmergruppen aus Grosskonzernen gesammelt werden. Die Teamgrösse betrug 2, 4, 6, 8 oder 12 Teilnehmer. Behandelt wurden von den Teamsjeweils Fragestellungen vom bereits erwähnten Typ ''Design'' (Brainstorming, Ideenerkennung und -zusammenfassung, Rangordnungsabstimmung). Weitere Sitzungen wurden zum Vergleich ohne Group Systems-Nutzung ebenfalls zu der ''Design''-Thematik durchgeführt. Dabei war den Teams die Bearbeitung der Aufgabe völlig freigestellt, oder sie gingen vorstrukturiert an die Arbeit.

Die Teilnehmer wurden durch Fragebogen und Einzelinterviews über die Sitzung und zu Group Systems befragt. Ausserdem wurden die Sitzungen über Video aufgezeichnet und die Interaktion der Teilnehmer über Group Systems vom System protokolliert. 

Aus den bisherigen Sitzungen lässt sich erkennen, dass die Sitzungsteilnehmer in ihrer ersten Sitzung einen hohen Erklärungsbedarf bezüglich Group Systems haben, der über die Anweisungen und Erläuterungen, die laut Handbuch vom Sitzungsleiter an die Teilnehmer gegeben werden sollen, hinausgeht. Das Einweisungs- material für die Sitzungsteil- nehmer wurde deshalb stark ergänzt. Vor der eigentlichen Sitzung wird ausserdem an einem Beispiel kurz die Bedienung eingeübt und somit die Voraussetzung für effektivere Sitzungen geschaffen. Veränderungen im Sitzungs- prozess und -ergebnis stellten sich wie in Amerika auch in den Hohenheimer Sitzungen ein.

Als grössten Vorteil von Group Systems bei ihrer Sitzungsarbeit empfanden die Teilnehmer die Möglichkeit der parallelen Individualarbeit und die Begleitung durch den Chauffeur. Dieses Urteil wird bekräftigt bei der Betrachtung der insgesamt von den Teams je Minute und je Teilnehmer erzeugten Idee. Sie war bei den Group-Systems-Nutzem am grössten, ohne dass es grosse inhaltliche Überschneidungen gab. Die strukturiert, aber ohne Group Systems vorgehenden Teams erzeugten etwas weniger Ideen. Es waren aber immer noch mehr Ideen als bei den Sitzungen, in denen die Teilnehmer nacheinander ihre Ideen äusserten und behandelten. Nützlich wurde auch die verbesserte Visualisierung und Protokollierung von den Sitzungsteilnehmern empfunden, wofür die Grossbilds- chirmanzeige mitverantwortlich ist, auf der man in den einzelnen Sitzungsphasen sehen kann, was jemand vorher während des Brainstormings geäussert hatte, welche Ideen bisher erkannt wurden und wie die Teammeinung zu den Ideen aussieht.

Perspektiven für den Einsatz

Eine Ablösung von Group Systems durch neue Systeme mit erweiterten Fähigkeiten bei flexiblerer Einsetzbarkeit und einfacherer Erlern- und Bedien- barkeit ist vorauszusehen. Aber auch Group Systems kann sich noch weiterentwickeln. So befindet sich heute bereits eine Version mit einer objektorien- tierten Oberfläche und für die zeitlich und örtlich verteilte Sitzungsarbeit in der Entwicklung, bei der das Hinzuschalten eines Videokonferenz-Kanals Berück- sichtigung finden kann. Das Potential zur Verbesserung von Sitzungen mit Hilfe von Group Systems und den Konzepten von CATeam wird sich voraussichtlich in einem künftig verstärkten Einbezug des Computers in Sitzungen niederschlagen.


Henrik Lewe ist Diplomwirtschafts- Ingenieur, M. S., an der University of Arizona.